Yoga und Werte: Authentizität #8

Yoga und Werte: Authentizität #8 - FindeDeinYoga.org

Jeder Mensch hat bestimmte Werte, die ihm wichtig sind und nach denen er lebt. In unserer Serie wollen wir euch Werte unserer Gesellschaft und unseres Zusammenlebens durch Yogaleher vorstellen. Heute mit Andrea aus Hamburg, mit dem Wert:

Authentizität

Das sagt Wikipedia:

Authentizität (von gr. authentikós „echt“; spätlateinisch authenticus „verbürgt, zuverlässig“) bedeutet Echtheit im Sinne von „als Original“ befunden. Das Adjektiv zu Authentizität heißt authentisch.

Ich höre oft im privaten und beruflichen Umfeld, „du bist so herrlich authentisch“, aber wann ist ein Mensch denn authentisch? Es gibt genug Situationen im Leben, in denen man sich bei anderen Menschen fragt, ist er/sie jetzt echt oder ist hier irgendwas aufgesetzt?

Folgendes Erlebnis hat sich am vergangenen Wochenende bei mir ereignet: Über eine Bekannte erreichte mich der Anruf einer mir nicht bekannten Dame, die mit mir einen Termin vereinbaren wollte, aber eigentlich ging es ihr nur darum, mir etwas zu verkaufen. Ich konnte sie zum Einen schlecht verstehen, weil sie so wahnsinnig schnell gesprochen und zum Andern, weil sie mich auf übertriebene Weise mit Superlativen überschüttet hat. Als diese Frau, an der jedes einzelne Haar perfekt saß, die Lippen unnatürlich prall und das Gesicht perfekt geschminkt (ja, ich habe sie gegoogelt und ein Foto gesehen) mir weis machen wollte, das Universum habe uns zusammen geführt, fühlte ich mich in meinem Unbehagen bestätigt. Ich habe sie nicht als authentisch erlebt, es passte schlichtweg nicht zusammen. Und wenn sie mir einen Sack voller Geld angeboten hätte - sie wirkte nicht echt! Aktueller hätte dieses Thema nicht sein können, wie mir beim Schreiben des Artikels aufgefallen ist….

Für mich persönlich gehört das Echtsein zum unerlässlichen Miteinander mit anderen Menschen ebenso wie ehrlich zu sein. Höher, schneller, weiter, das sind Werte, die unser Leben bestimmen und wer sich nicht in den Sog der Oberflächlichkeit und Schnelllebigkeit reißen lassen möchte, der muss dem mächtig etwas entgegensetzen. Authentisch zu sein bedeutet auch, sich selbst und seinen Werten treu zu bleiben und sich nicht der breiten Masse anbieten zu müssen, des Gefallens wegen. Ja, Authentizität bedeutet auch, dass man nicht immer everybody s darling ist, sondern aneckt und das Risiko in Kauf nimmt, nicht überall dabei zu sein.

Auf der einen Seite stellt dies ein großes Problem dar, denn heutzutage scheint man nur wertvoll zu sein, wenn die äußere Etikette es bereits spiegelt und wenn man anderen nach dem Mund redet. Sei es privat oder beruflich betrachtet. Im „echt sein“ steckt aber ein sehr großer Wert, denn bei authentischen Menschen weiß man immer, woran man ist und dass das, was diese sagen und tun auch verlässlich ist.

Und, nebenbei bemerkt, mir öffnet mein So-Sein wie ich bin und die kleine rebellische Verweigerung, mich bis ins Letzte anzupassen, in den allermeisten Fällen Herzen und Türen, weil keiner damit rechnet, dass jemand das Herz auf der Zunge trägt und Dinge benennt, wie sie grade zufliegen. Das lasse ich mir auch nicht nehmen, wenn ich in der Öffentlichkeit stehe. Wenn etwas gut ist, ist es gut, wenn es besch…. ist, dann ist es besch…. und wird so benannt. Nicht der schlechteste Weg, den man einschlagen kann…..

Yoga und Authentizität

Als Lehrer sitze ich nicht wie der Guru vorne auf meiner Matte und dürste nach Anbetung, das Bild einer perfekten Lehrerin verkaufend. Ein guter und authentischer Yogalehrer möchte seinen Schülern doch vermitteln, dass er weder allwissend ist, noch der Überflieger. Das erreicht man nur mit Authentizität. Wenn ich es als Yogalehrerin schaffe, meinen Schülern, die mir ihr Vertrauen schenken, zu vermitteln, dass auch ich stetig zu lernen habe und dass man Geduld in der Praxis benötigt, dann finden sie dies auch in sich.

„Yoga und Authentizität gehören für mich untrennbar zusammen und erst dann erreiche ich die Wirkung, die ich sowohl als Lehrer, wie auch als Schüler/ in erzielen möchte“

Authentisch zu sein in der Praxis bedeutet auch, dass man vorne nicht vorturnt und zeigt, wie toll man alles kann oder dass man sich nur Asanas aussucht, die perfekt sitzen, sondern dass man auch Asanas einbaut, weil sie in den Flow passen und den Schülern auf ihrem Weg helfen und das, obwohl ich sie eben grade nicht selber praktisch umsetzen kann!

Warum kommen Yogaschüler in unsere Stunden? Sie wollen abschalten, dem hektischen Alltag eine Pause gönnen und nicht zuletzt wollen sie bei sich ankommen. Im Job oder bei Elternabenden in der Schule der Kinder spielen viele Menschen gewollt oder ungewollt eine Rolle, wenigstens im Yoga wollen sie für sich und sie selbst sein. Für jeden authentischen Yogalehrer ist es doch eine Ehre, diese Prozesse mit begleiten zu dürfen und aus meiner Sicht gelingt dies auch, wenn ich zum Beispiel bei der kleinen Einführungsmeditation eine Begebenheit von mir selbst einfließen lasse, mich oute, dass mir x oder y gestern auch nicht gelungen ist oder wenn auch ich als Yogalehrer beim gemeinsamen Singen eines Mantras eine Träne, die fließen möchte, nicht weg drücke. Das macht jeden Lehrer authentisch und ermöglicht seinen Schülern, sich die Auszeit in der Yoga Praxis zu nehmen, die sie suchen. Wenn Tränen fließen, dann fließen sie, wenn eine Asana nicht klappt, dann ist es für den Tag eben so.

Echt sein heißt in der Praxis auch, bei sich und auf seiner Matte zu bleiben. Egal, wie es bei mir oder bei meinem Nachbarn aussieht, beides ist richtig und gut, wenn jeder seine Grenzen wahrt und achtet. Das größte Geschenk, das jeder einzelne sich selber in der Yogastunde machen kann, der Lehrer sei hier mit angesprochen.

Wann ist ein Yogalehrer authenthisch?

An Yoga Neulinge möchte ich an dieser Stelle etwas für mich wesentliches richten: ein guter Yogalehrer lehrt seine Schüler im individuellen Knochenbau und achtet bei seinen Schülern und auch bei sich selbst darauf, ob eine Asana geeignet ist, oder eben nicht. Das nennt man Authentizität! Wenn ich selber als Schülerin auf der Matte sitze und sehe, dass mein Lehrer der betreffenden Stunde z.B. im Lotus sitzt und seine Knie zum Himmel schreien, weil er aus anatomischen Gründen schlichtweg nicht für diese Haltung geschaffen ist, dann kann ich mich nur wundern und es für ihn bedauern, dass er scheinbar etwas darstellen möchte, was er nicht ist und dem Irrglauben folgt, ein guter Yogalehrer muss im Lotus sitzen, sonst ist er eben kein guter Yogalehrer. Was aber vermittelt er seinen Schülern damit?…..

„Authentizität ist für mich etwas, was ich mir nicht vornehmen muss, ich kann nicht anders!“

„Geh da mal hin, das ist bestimmt gut für dich“. So bin ich vor 20 Jahren als junge Jurastudentin zum ersten Mal mit Hatha Yoga in Berührung gekommen. Ich war mit Abstand die Jüngste im Kurs und die Übungen waren mir zu langweilig und zu anstrengend. Anstrengen wollte ich mich aber nicht, mein Leben war schon anstrengend genug. Also bin ich nicht mehr hingegangen.

Als ich dann, 17 Jahre später, inzwischen Mutter von drei wundervollen Kindern, mit höllenmässigen Rückenschmerzen meinen Alltag fristete und die Herausforderung zwischen Job (ich hatte zwischenzeitlich noch Ernährungswissenschaften studiert und war selbstständig) und den Kindern wuppen wollte, beschloss ich, zum nächst gelegenen Bikram Yogastudio zu marschieren. Gesagt, getan! Es war unglaublich anstrengend und ich fühlte mich grossartig! Ich habe nicht auf der bewussten Ebene verstanden, was passiert war, aber ich habe mich verändert und der Samen fiel auf fruchtbaren Boden. Aus der jungen, karriereorientierten super-schlanken Jurastudentin war eine kurvige Frau geworden, die auf der Suche nach sich selbst war und der es völlig wurscht war, dass sie kein Sixpack im Bikini zeigen konnte und immer wieder für Pausen in die Haltung des Kindes gehen musste, während die anderen Schüler ihre Posen durchzogen.

Ein halbes Jahr später habe ich dann mein Yogastudio gefunden, in dem ich von da an mehrmals pro Woche zu herausfordernden Power-Vinyasayogastunden gegangen bin, um dann 5 Jahre später dort selber die Ausbildung zu machen. So manches mal habe ich auf der Matte geflucht, ich war frustriert und ja, ich habe bei anderen auf die Matte geluschert, die scheinbar besser waren oder zum Glück eben für mein Empfinden nicht. Aber, ich habe Durchgehalten und habe gelernt, mich anzunehmen und zu akzeptieren und mir treu zu sein - authentisch eben!

"Geduldig und im liebevollen Umgang mit sich selbst sein." 

Und wenn's im Rücken zwickt und in den Knien quietscht, dann ist es eben nicht die kraftvolle Poweryogastunde, sondern die Yin Yoga Einheit, die mich zu mir und an meine dahinter verborgenen Themen bringt. Auch das musste ich selber lernen und ich gebe dies gern an meine Schüler weiter, bei sich selber zu bleiben und nicht auf der Nachbarmatte, geduldig zu sein und liebevoll mit sich selber.

Meine großen kleinen Vorbilder waren diesbezüglich die Kinder in meinen Kinderyogastunden (diese Ausbildung war vor der großen Poweryogaausbildung und Goldwert zum Thema „authentisch sein“). Diese Persönlichkeiten gehen ohne Vorbehalte ans Werk, haben Spaß und machen ihr Ding, egal, was die Anderen machen oder welche Hose x und y anhat - herrlich! Authentisch zu sein bedeutet für mich, so zu sein, wie ich bin, nicht gestellt sein und weg vom Gefallen-Wollen.

Abschließend fällt mir hierzu eine Begebenheit aus meinem Teacher Training ein. Wir sollten uns vorstellen und nach meinem Empfinden waren die anderen im Vergleich zu mir viel bessere Yogis. Sie lebten vegetarisch oder vegan, hatten moderne Yogahosen an und tranken Yogitee. Ich hingegen kam mit Kaffee und die Ecke und outete mich, dass ich gelegentlich gerne ein Steak aß, für guten Gin zu haben war und dabei auch gerne die eine oder andere Zigarette rauchte. Stille…. Mehr kam im ersten Moment nicht, aber meine Yoga Kollegen schätzen und akzeptierten mich und durch meinen ehrlichen Vorstoß des Echtseins trauten sich auch die anderen zunehmend, echt zu sein. Das war eine spannende Erfahrung für mich und eine Bestärkung darin, dass es nicht immer bequem, sondern echt sein muss. (und ja, Kaffee schmeckt immer noch und 2x im Jahr auch das Steak, Alkohol und Zigaretten hingegen seit zwei Jahren nicht mehr)

Ein sehr passendes Mantra zum Schluss. Es ist von einem sehr wundervollen Lehrer von mir und treffender könnte es aus meiner Sicht nicht sein: David Lee Lurey - Light of my Soul

I am the light of my soul, i am bountiful, I am beautiful, I am bliss, I am I am!

Ich bin Andrea, 43 Jahre alt, Mutter von drei bezaubernden Kindern, etwas durchgeknallt, das aber garantiert authentisch und darüber hinaus selbstständige Ernährungsberaterin und Yogalehrerin in der wunderschönen Perle Hamburg. Aktuell gebe ich Kurse und Einzelstunden auf Anfrage und bin ich per Email sehr gut zu erreichen unter schopf.andrea@googlemail.com. Ich freue mich auf euch!

Möchtest Du deine Gedanken zu einem Wert in unserer Gesellschaft in Zusammenhang mit Yoga vorstellen? Dann schreib uns gerne eine E-Mail an mail[at]findedeinyoga.org. Wir freuen uns!

Alle bisher erschienen Beiträge zur Serie "Werte und Yoga" findest du hier.

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