7 Wochen mit oder ohne - die Fastenzeit.

7 Wochen mit oder ohne - die Fastenzeit.  - FindeDeinYoga.org

Es ist nicht mehr ganz Winter, aber auch noch kein Frühling - und es ist Aschermittwoch. Es war manchmal schon so super sonnig, dass ich mir fast ein Eis kaufen wollte. Aber nach einem Spaziergang in einem Wind, der sich doch noch recht winterlich angefühlt hat, habe ich mich in den letzten Tagen eher für Schokolade und Kaffee entschieden. Kaffee habe ich heute auch am Start, aber die Schokolade fehlt. Die Schokolade fehlt nicht hier im Haus, es ist noch welche da. Aber ich esse sie nicht. Schokolade fehlt ab sofort auf meinem Speiseplan. Ebenso wie der gelegentliche Schluck Baileys im Kakao oder der Rotwein am Abend. Gestrichen. Bis Ostern. Es ist nämlich Fastenzeit.

Die Fassenachter können auch fasten!

Ich wohne noch nicht so lange in Rheinhessen, aber hier tobt die Fassenacht! Hier wird gefeiert ab Altweiberdonnerstag, im Ort gibt es täglich Partys und in Mainz braucht man in diesen Tagen praktisch nirgendwo anzurufen. Es ist schulfrei, es gibt "Kreppel" in 5, 6 Sorten bei jedem Bäcker und überall sieht man verkleidete Menschen auf der Straße... Durch die Straßen jedes Ortes, der was auf sich hält, zieht ein Fastnachtsumzug. Dort fliegt alles von den Wagen, was sich mit vollen Händen werfen lässt und die Kinder kommen mit Taschen prall gefüllt mit Süßigkeiten und nutzlosem Unsinn sehr glücklich nach Hause. Und dann ist plötzlich Schluss mit lusti. 

Und auf einmal, am Aschermittwoch, ist’s rum. Fastenzeit. Hier fastet jetzt nämlich ziemlich jede und jeder. Kein Alkohol, kein Zucker, kein Facebook, kein Kaffee, keine Zigaretten, kein Fleisch, nicht mehr so hetzen, nicht mehr so motzen, Konsumverzicht, Autoverzicht … alles Mögliche ist dabei. Bis Ostern haben wirklich viele Menschen hier irgend ein Fastenprojekt am Laufen. Wieso tun die das? Wieso tue ICH das? Zu den vielen ganz unmittelbar (und auch mittelbar) positiven Auswirkungen vom Fasten auf alle möglichen Bereiche der eigenen Existenz weiß eigentlich jede/r irgend etwas zu sagen. Ich ergänze das hier durch kleine Side-Stories aus dem Bereich der Pädagogik, des Yoga und ggf. durch christliche Ideen. Denn vielfach ist das ja eine religiöse Geschichte mit dem Fasten, muss es aber nicht sein.

Fasten ist psychologisch gesehen sehr sinnvoll.

Es gibt tatsächlich diesen Zusammenhang, dass jemand, der eine Belohnung aufschieben kann, zivilisatorisch gesehen sehr weit fortgeschritten ist. Das nennt sich schlicht „Belohnungsaufschub“. Diese Fähigkeit bedeutet, dass die Strecke zwischen einem auftauchenden Bedürfnis und der darauf folgenden Handlung recht lang ist, man nicht sofort das macht, was man gerne würde, und der Mensch sich über reine „Triebbefriedigung“ hinaus entwickelt hat. Wer den Marshmallow nicht isst, weil klar ist, dass dann später ein zweiter kommt, hat’s verstanden. So handelnde Kinder hatten im Durchschnitt später bessere Schulnoten, waren Stress gegenüber weniger anfällig und auch in der Pubertät resistenter gegenüber schwankende Stimmungen und Leistungen. Aber kleine Kinder fasten ja nicht absichtlich. Sie verbinden damit meist eine Belohnung und eine Verbesserung. Hinterher gibt’s dann mehr! Stimmt ja bei denen auch meistens. Und bei Erwachsenen die Yoga machen? Ganz klar: Shavasana am Ende der Yogastunde!!!

Man fastet öfter als man denkt.

Erwachsene fasten meist absichtlich. Erwachsene fasten eigentlich auch recht oft. Sie tun das, indem sie sich z.B. die Schuhe doch nicht kaufen oder sich den Urlaub mal sparen, weil es nicht geht -- aber dann nächste Saison. Auch "erst die Arbeit, dann das Vergnügen" ist klassischer Belohnungsaufschub. Und dann fasten manche vor Ostern noch mal bewusst, 40 Tage lang. Für viele ist dies tatsächlich eine Zeit, in der sie ein paar Tage oder eine Woche mal gar nichts essen. Ayurvedisch gesehen ist das nur begrenzt sinnvoll, yogisch gesehen lässt sich dies wunderbar durch entsprechende Asana-Praxis unterstützen. Am Ende geht’s den meisten damit gut und keiner kasteit sich bis zur Übellaunigkeit und zum Verlust an Gesundheit oder Lebensfreude!

Fasten heißt kein Verzicht.

Dann man belohnt sich ja doch. Denn genau das ist das Ziel: Sich etwas für später aufheben, was man eigentlich sofort haben könnte. Sich dabei etwas Gutes tun. Etwas loswerden, sich von einem Bedürfnis langsam oder schnell trennen, vielleicht sogar dauerhaft einem Laster entsagen. Entgiften — körperlich, geistig, seelisch. Dabei den Kopf leer machen und sich darin Raum geben für etwas Neues, weil man sich die eingefahrenen Gedanken und die üblichen Muster einfach mal spart.

Das bewirkt, dass jedes Mal, wenn wir uns von irgendetwas befreien oder etwas anders machen als sonst, Platz für etwas Neues geschaffen wird. Wir bekommen jedes Mal die Möglichkeit, den Geist von Dingen zurückzuziehen, weniger festzuhalten, durchlässiger zu werden, Emotionen vorbeiziehen zu lassen -- das ist Aparigraha vom Feinsten. Es entstehen Gelegenheiten, uns spirituell vollzufressen. Wir schaffen es, uns zu entlasten von Unnötigem und den so entstehenden Raum mit Neuem und mit Gutem zu füllen.

Je mehr ich darüber lese und schreibe, desto mehr bin ich Fan von Fasten. Ich freue mich, meiner zivilisatorischen und spirituellen Fortentwicklung wieder mal richtig Raum zu geben. Sprirituell gesehen ist diese Zeit schon was Besonderes: Ostern ist das größte Fest der Christen und es ist so groß, dass man es kaum verstehen kann. Jemand hat den Tod besiegt? Der Typ ist aus der Höhle gekrochen? Erst tot, dann lebendig? Seltsam. Oder ist es vielleicht gar nicht so seltam?

Verstehen wir es einfach in Bezug auf uns selbst (anders kann ich es nämlich nicht verstehen): Wir sind vollgestopft mit Dingen, Gedanken, Emotionen. All dies, was uns herunterzieht, uns schwer und unbeweglich in unserer eigenen Höhle schmoren lässt, nehmen wir mit in die Fastenzeit. Und dann geht’s los: Wir entlasten uns, werfen ab, lassen im Verborgenen all das von uns gehen, was wir nicht mehr brauchen. Atmen aus, misten aus, trennen ab, entgiften. Und dann kriechen wir aus der Höhle. Vielleicht sind wir 3 Kilo leichter, vielleicht auch nur an Erfahrung reicher, vielleicht sind wir uns selbst näher gekommen, vielleicht fühlen wir uns wie neu geboren. Und manchmal fühlen wir uns, als wären wir von den Toten auferstanden.

Warum fasten wir?

Vorfreude ist die schönste Freude, darum fastet man. Es ist gut im psychologischen Sinn, es ist gut im pädagogischen Sinn. Als Yogi kennt man sich mit Nicht-Festhalten eh (ein wenig) aus, und jede Religion hat ihre Fastenzeit, in der die Abkehr von den eigenen Bedürfnissen hin zu spirituellem Wachstum im Vordergrund steht.

Man kann das eigentlich jederzeit machen, aber im Frühjahr passt es so gut. In der Zeit helfen uns die kosmischen Einflüsse und wir sind nicht alleine! Da kann es der Körper wirklich gebrauchen — und man ist in guter Gesellschaft, wenn man dauernd „Nein, danke!“ sagt. Und dann, zu Ostern, gibt’s wieder lecker Schoki.

Fasten und Yoga - wie geht das zusammen. 

Yoga kann diese Intention des Geistes wunderbar unterstützen. Wenn du in dieser Zeit, in der sich viel Schwere (Kapha) in deinem Körper lösen will, deine Yogapraxis optimal für dich nutzen willst, beachte folgendes, praktiziere dabei immer verantwortungsvoll und liebevoll mit dir selbst -- und denke daran, dich am Schluss dafür bewusst zu belohnen! Übe fließend und kraftvoll. Nutze intensiv deine Armkraft. Unterstütze deine Praxis durch Kapalabhati z.B. in Phalakasana. Öffne bewusst deine Seiten, deinen Herzraum und deine Lungen. Gehe in tiefe Rückbeugen. Binde Twists in Flows oder als längere Haltungen ein. Achte darauf, dass du beim Yoga ordentlich ins Schwitzen kommst! Höre schwungvolle Musik dazu! Und praktiziere vielleicht auch mal an der frischen Luft... 

Ich wünsche dir viel Fasten- und Yoga-Freude! Namastè Barbara. 

Barbara Ohler unterrichtet in der Nähe von Mainz in Stadecken-Elsheim im Sukhada yogasalon Hatha-Vinyasa Klassen mit viel Power und Spirit. Ganz besonders liegen ihr die Lehrerinnen am Herzen, für deren Stärkung sie eine besondere Art des yogisch-ayurvedisch-basierten Coachings entwickelt hat. Barbara veranstaltet Ende Mai 2019 das erste Lebensfreude-Retreat! Zur Anmeldung für's Retreat geht's hier. Für mehr Infos besuche Ihre Webseite Sukhada yogasalon. 

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